Was, wenn nicht Paulas Zurückhaltung das Thema ist?

Manchmal zeigt sich erst im zweiten Schritt, worum es eigentlich geht. Bei einem Kita-Team, das sich um ein sehr stilles Mädchen sorgte, war das nicht anders: Die erste Sorge war nicht die einzige – und vielleicht nicht einmal die wichtigste.

Zwei pädagogische Fachkräfte stehen nebeneinander auf einem Kita-Außengelände und blicken ins Geschehen, während ein Kind im Vordergrund allein im Sandkasten spielt.

Vor Kurzem saß ich in einem Workshop mit einem Kita-Team zusammen, das sich um ein Mädchen sorgte, das wir hier Paula nennen. Paula ist mit ihrer Familie aus einem Kriegsgebiet geflüchtet. Ein Elternteil ist zunächst im Herkunftsland zurückgeblieben und sieht die Familie nur selten. Zu Hause spricht die Familie eine andere Sprache als Deutsch. In der Kita spricht Paula sehr wenig. Mit einer Fachkraft, die ihre Familiensprache spricht, geht es etwas leichter – aber auch nicht durchgehend. Sie sagt nicht Bescheid, wenn sie den Raum verlässt, und macht sich nicht bemerkbar, wenn sie Hilfe braucht. Ihre Bedürfnisse teilt sie kaum mit – manchmal reagiert sie auf direkte Ansprache mit Ja oder Nein, oft nur nonverbal: Sie zupft am Ärmel, tippt an, zeigt auf das, was sie möchte. Bei Ansprache dreht sie häufig den Kopf weg, es wirkt verschämt. Immer wieder sucht sie Körperkontakt, kuschelt sich auf den Schoß – und geht dann von selbst wieder eigenständig ihrer Wege. Sie spielt mit anderen Kindern, initiiert das Spiel aber nicht selbst. Am liebsten spielt sie im Rollenspielbereich, sie kann auch gut allein spielen. Bei Konflikten zwischen Kindern bleibt sie passiv. Zu Hause dagegen spricht sie deutlich mehr und kann ihre Bedürfnisse mitteilen.

Nach der Situationsbeschreibung habe ich dem Team Fragen gestellt, die häufig am Anfang einer Fallbearbeitung stehen:
Wo genau liegt für euch das Problem? Was ist im Moment das Schwierigste? Die Antwort kam schnell: dass Paula ihre Bedürfnisse nicht mitteilt. Und dahinter, kaum ausgesprochen, eine zweite Sorge – im neuen Kitajahr werden viele neue Kinder in die Gruppe kommen, zusätzlich steht ein Personalwechsel an. Die Gruppenatmosphäre hat sich gerade erst nach schwierigen Zeiten beruhigt, Ruhe und Verlässlichkeit sind eingekehrt. Die Angst, das wieder zu verlieren, war im Raum spürbar.

Eine andere Frage

An diesem Punkt beginnt für mich die eigentliche Arbeit. Wir begeben uns auf Spurensuche mit systemischen Fragen:
Wofür könnte es gut sein, dass Paula sich in der Kita genau so zeigt? Welchen Sinn könnte dieses Verhalten in ihrem System ergeben? Welche Botschaft möchte sie uns mitteilen?

Hypothesen-Runde

In Paulas Fall ist das die ausgewählte Hypothese: Sie braucht Zeit, und sie sucht Sicherheit.
Kaum ist dieser Gedanke ausgesprochen, passiert im Raum etwas Bemerkenswertes. Der Blick löst sich von Paula und ihren Schwierigkeiten und weitet sich.
Ich lenke die Aufmerksamkeit noch einmal auf die Sorge, die das Team ganz am Anfang genannt hatte – die Angst, keine Zeit für Paula zu haben – und frage gezielt nach:
„Könnte es sein, dass der Wunsch, dass Paula endlich ihre Bedürfnisse äußert, aus genau dieser Sorge gespeist wird?“

Was die Sorge mit uns macht

Für das Team fühlte sich das im Alltag oft so an: Wenn weniger Zeit für das einzelne Kind da zu sein scheint, wird es leichter, wenn Kinder selbstbewusst und deutlich sagen, was sie wollen. Diese innere Anspannung bleibt nicht folgenlos – sie beeinflusst, wie aufmerksam, wie geduldig, wie entspannt die Fachkräfte Paula im Alltag begegnen, ohne dass ihnen das unbedingt bewusst ist. Vielleicht führt genau dieses Verhalten der Fachkräfte dazu, dass sich das gewünschte Verhalten – Bedürfnisse zu zeigen – nicht weiterentwickelt.
Es steht dem eigentlichen Bedürfnis entgegen: Zeit für Entwicklung.
Das Team begann sich an diesem Punkt folgende Fragen zu stellen:
Bin ich zu ungeduldig – vielleicht aus meiner eigenen Sorge heraus, Paula nicht mehr gerecht zu werden? Kann ich ihre Fortschritte nicht sehen, oder sind sie mir zu klein? Wie bewerte ich eigentlich Zeit? Warum ist es mir so wichtig, jederzeit zu wissen, wo genau sie sich gerade befindet – jenseits der Aufsichtspflicht? Kann ich vertrauen? Kann ich loslassen?
Eine weitere Sorge betraf die neu gewonnene Ruhe, die das Team gerade erst zurückgewonnen hatte. Ruhe bedeutet Sicherheit, Verlässlichkeit, Entspannung – genau das, was Paula nach der ausgewählten Hypothese braucht. Spielt hier jedoch Angst mit, kehrt sich das ins Gegenteil: Wer selbst ängstlich ist, kann nur schwer Sicherheit vermitteln.

Ein Kreislauf, den keiner allein steuert

Genau das ist ein Punkt, der sich im systemischen Denken immer wieder zeigt: Fachkräfte sind nie nur außenstehende Begleitende, die ein Verhalten beobachten und darauf reagieren. Sie sind selbst Teil des Systems, in dem dieses Verhalten entsteht – und das bedeutet:
Es läuft in beide Richtungen. Bei Paula lässt sich das ganz konkret nachzeichnen. Ihre Zurückhaltung nährt die Sorge der Fachkräfte, sie könnte übersehen werden oder zu kurz kommen. Diese Sorge wiederum verändert – unbewusst – wie die Fachkräfte ihr begegnen: aufmerksamer vielleicht, aber auch angespannter, kontrollierender, mit dem Blick eher auf das, was fehlt, als auf das, was da ist. Und genau diese Anspannung ist es, die Paula spürt, noch bevor ein Wort fällt. Sie beeinflusst wiederum, wie sicher oder unsicher sich Paula fühlt – und damit womöglich genau das Verhalten, das die Fachkräfte ursprünglich beunruhigt hat. Ein Kreislauf also, der sich selbst am Laufen hält: Verhalten löst Sorge aus, Sorge verändert Beziehung, veränderte Beziehung beeinflusst Verhalten. Nicht Paula allein steuert, was zwischen ihr und den Fachkräften entsteht – und auch nicht die Fachkräfte allein. Beide Seiten wirken ununterbrochen aufeinander ein, lange bevor jemand bewusst „eingreift“.
Wie sehr dieser Kreislauf auch die eigene Wahrnehmung mitprägt, zeigte sich im Gespräch selbst: Erst nach mehrmaligem Nachfragen konnte das Team benennen, dass Paula durchaus Fortschritte macht – nur wirkten sie ihnen zu klein, um sie als solche zu zählen. Auch das ist ein Effekt desselben Kreislaufs: Wer in Sorge ist, sucht unwillkürlich nach dem, was noch fehlt, und braucht mehr Anlauf, um zu sehen, was schon da ist.
Hier schließt sich für mich der Kreis zur Wozu-Frage vom Anfang der Hypothesen-Runde: Wofür könnte es gut sein, dass Paula sich in der Kita genau so zeigt? Nach der ausgewählten Hypothese sucht sie Zeit und Sicherheit – zwei Dinge, die sie sich in ihrem Alter noch nicht selbst geben kann. Sie ist darauf angewiesen, dass die Erwachsenen um sie herum ihr genau das zur Verfügung stellen. Der Blick richtet sich deshalb systemisch nicht nur auf Paula, sondern auch auf die Frage, welches Verständnis von Zeit und Sicherheit die Fachkräfte selbst mitbringen – und wie viel davon sie im Moment tatsächlich geben können. Eine Auseinandersetzung, von der übrigens auch die anderen Kinder in der Gruppe profitieren.

Was jetzt ausprobiert wird

Aus diesen Überlegungen sind unterschiedliche Handlungsansätze entstanden, die das Team in der nächsten Zeit ausprobieren möchte. Ein erster Gedanke galt Paulas Sicherheitsinseln: Welche hat sie bereits – mit den Fachkräften und mit den Kindern –, und wie lassen sie sich stärken? Ein zweiter Gedanke betraf ihre leisen Signale: Wie lassen sich Paulas kleine, oft kaum sichtbare Bedürfnisäußerungen so beantworten, dass sie merkt: Ich werde gesehen, auch wenn ich leise bin? Und ein dritter Gedanke richtete sich auf die eigene Praxis: Qualitätszeit statt Quantitätszeit geben – und genau beobachten, wie sich das auf Paulas Verhalten auswirkt. Manchmal ist es hilfreicher, sich zwei Minuten bewusst Zeit für ein Gespräch zu nehmen, als eine Information immer wieder zwischen Tür und Angel zu wiederholen. Es geht um eine Neubewertung von Zeit – weg vom Gefühl des Zeitmangels.

Und – vielleicht die größte Frage –: Was hat der Gruppe im letzten Jahr die Stabilität gegeben, die inzwischen spürbar ist – vielleicht bestimmte Rituale, die sich eingespielt haben, oder eine Art, wie das Team miteinander schwierige Momente aufgefangen hat? Und was davon soll unbedingt mit ins neue Kitajahr?
Am Ende steht keine fertige Lösung für Paula. Was bleibt, sind zwei Fragen, die das ganze Team jetzt mitträgt: Was braucht Paula wirklich? Und was braucht das Team, um genau das geben zu können?

Und bei dir?

Vielleicht magst du kurz innehalten:
Gibt es gerade ein Kind in deiner Gruppe, bei dem du ungeduldig wirst – und wenn du ehrlich hinschaust, gehört diese Ungeduld eigentlich eher zu dir als zu ihm? Manchmal ist es nicht das Kind, das zu langsam ist. Manchmal ist es die eigene Uhr, die gerade zu schnell tickt.


Sabine Schulz - Kita-Coach, Schulungen und Praxisanleitung für Kita-Teams und -Leitungen, mit einem Schwerpunkt auf dem Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern

Sabine Schulz
NLP-Master, SystemCoach & Kommunikations-Coach

Verhaltensauffällige Kinder

In meiner Arbeit begleite ich Fachkräfte, die Kinder und Familien in unterschiedlichen pädagogischen Kontexten unterstützen. Die Erfahrungen, Fragen und Herausforderungen, die mir in Seminaren, Fortbildungen und im fachlichen Austausch begegnen, prägen auch meine Texte. Ich schreibe über pädagogische Themen, die Fachkräfte und Familien bewegen, und verbinde dabei fachliche Erkenntnisse mit einer wertschätzenden und praxisnahen Perspektive. Mein Anliegen ist es, neue Blickwinkel auf herausfordernde Situationen zu eröffnen, Zusammenhänge sichtbar zu machen und Fachkräfte in ihrem pädagogischen Handeln zu stärken.

Wenn du deinen Blick auf Verhalten erweitern und im Alltag mehr Sicherheit gewinnen möchtest, begleite ich dich gern dabei.