
Ich sitze mit einem kleinen Kita-Team zusammen, das spürbar am Limit ist. Es geht um Robert, fast fünf Jahre alt. Er ist das einzige Kind der Familie und außerhalb der Kita überwiegend mit Erwachsenen zusammen. Die Mitarbeitenden berichten, dass er in der Kita gerne im Mittelpunkt steht. Robert will gerne bestimmen, hat gerne Macht über etwas – auch im Spiel mit anderen Kindern. Im Stuhlkreis stört er immer wieder – mal leise, mal so heftig, dass er sich gar nicht mehr beruhigen lässt und auf dem Stuhl aus dem Gruppenraum getragen werden muss. Diese „Ausraster“ belasten das Team enorm, körperlich wie mental.
Auf meine Nachfrage, wie oft das passiert, antwortet das Team nach kurzem Überlegen:
„Etwa zwei Mal im Monat“.
Ich merke, wie ich innerlich kurz stocke. Zwei Mal im Monat – das ist, objektiv betrachtet, nicht viel. Und trotzdem sitzt mir ein Team gegenüber, das klingt, als würde es täglich passieren.
Eine andere Frage
An diesem Punkt lenke ich das Gespräch bewusst in eine andere Richtung. Ich stelle die Fragen, die aus der Problemtrance herausführen und lösungsorientiertes Denken eröffnen.
Wofür könnte es gut sein, dass Robert sich in der Kita genau so zeigt? Welchen Sinn könnte dieses Verhalten in seinem System ergeben? Welche Botschaft möchte er uns mitteilen?
Hypothesenrunde
Wir sammeln ohne zu werten:
- Er will Aufmerksamkeit.
- Er fühlt sich nicht gesehen.
- Er möchte selbst bestimmen.
- Im familiären Kontext hat er nichts zu sagen – die Erwachsenen entscheiden, auch über seinen Kopf hinweg.
- Im familiären Kontext ist er der Bestimmer und überträgt das Muster auf die Kita.
- Er bekommt wenig Grenzen und sucht nach Orientierung.
- Macht bedeutet Kontrolle- vielleicht versucht er Kontrolle über sich und sein Leben zu bekommen
- Ihm fehlen adäquate Strategien, um mit Frust und Enttäuschung umzugehen.
Genau das ist der Sinn dieser Runde: nicht die eine richtige Erklärung zu finden, sondern möglichst viele Blickwinkel zu sammeln – auch ungewöhnliche. Keine Hypothese ist die einzig richtige. Aber eine oder mehrere gehen meist sofort in Resonanz mit den Fallgebenden.
In diesem Fall bleiben beim Team drei Hypothesen im Kopf: dass Robert sich nicht gesehen fühlt, dass er zu Hause wenig mitzureden hat – und dass es ihm um Kontrolle geht, vielleicht sogar Kontrolle über sich selbst. Auffällig ist: In allen dreien schwingt dasselbe Gefühl mit – zu wenig Einfluss auf das eigene Leben zu haben.
Kaum ist der Gedanke ausgesprochen, wandert meine Aufmerksamkeit zurück zu dem Moment vom Anfang: meiner kurzen Irritation, als vom Team „nur“ von zwei Eskalationen im Monat die Rede war, während im Raum eine Anspannung lag, die nach täglich klang.
Hier stellt sich die Frage: Könnte es sein, dass genau diese Anspannung mit hineinspielt in das, was zwischen Robert und dem Team gerade passiert?
Ein Kreislauf um Macht mit vielen Beteiligten
In Situationen wie mit Robert fällt in der Zusammenarbeit mit Teams fast immer, beinahe reflexhaft der Satz: „Der will nur Macht haben und über andere bestimmen.“
Gemeint ist damit meistens etwas Negatives – ein Kind, das sich durchsetzen will, das dominieren will. Und tatsächlich sieht Roberts Verhalten in der Gruppe und im Stuhlkreis erst einmal genau danach aus.
Was bedeutet eigentlich Macht?
Aus systemischer Sicht ist Macht kein Besitz, den jemand für sich hat, sondern ein Beziehungsphänomen: Sie entsteht erst dadurch, dass andere im System sie anerkennen oder zumindest mittragen. Niemand „hat“ Macht einfach so – fehlt diese Anerkennung, bleibt nur der Griff zu Druck, um sich trotzdem durchzusetzen. Wer Macht zugestanden bekommt, befindet sich damit in einer Position, aus der heraus man etwas bewegen kann: entscheiden, mitgestalten, etwas bewirken. Genau darum geht es in den Hypothesen zu Robert eigentlich die ganze Zeit – um das Gefühl, selbst etwas bewirken zu können, oder eben nicht.
Das gilt auch andersherum: Wer auf den ersten Blick keine Macht hat, übt trotzdem Einfluss aus, oft gerade durch das Verhalten, das als Problem gilt. Eine Eskalation verändert das Verhalten der Erwachsenen mindestens so sehr, wie deren Verhalten vorher das Kind beeinflusst hat – beide Seiten wirken ständig aufeinander ein.
Einfluss ist in diesem Sinn der sichtbare, wirksame Teil von Macht: das, was tatsächlich entsteht, wenn jemand etwas bewegen kann, weil die andere Seite mitgeht – oder wenn er sich Gehör verschafft, auch ohne dass ihm dafür Macht im eigentlichen Sinn zugestanden wurde.
Dass Fachkräfte in einer Kita grundsätzlich mehr Macht haben als die Kinder, liegt in der Natur der Sache: Durch die machtvollere Position können sie Orientierung und Sicherheit geben und besitzen so die Fähigkeit, im Alltag schnell genug zu entscheiden. Das ist sinnvoll und wichtig, denn ohne diese Macht könnte eine Gruppe kaum funktionieren. Die eigentliche Frage ist nicht, ob Fachkräfte Macht haben (die haben sie immer), sondern wie reflektiert sie damit umgehen.
Was das für Robert bedeutet
Im Fall von Robert spiegelt sich das Thema Macht und Einfluss an zwei Stellen ganz konkret wider. Im Spiel mit anderen Kindern verschafft er sich mit seinen eigenen Mitteln Einfluss: Er bestimmt, wer was macht und wie. In dem Moment, in dem er das Spiel kontrolliert, hat er zumindest das Gefühl von Einfluss. Da die anderen Kinder das aber nicht freiwillig mittragen, ist es streng genommen keine anerkannte Macht, sondern Druck – und genau deshalb greifen die Fachkräfte auch ein. Sein Einfluss und sein Gestaltungsspielraum bleiben sehr begrenzt.
Im Stuhlkreis zeigt sich das Gegenteil: Hier hat Robert nie ernsthaft die Möglichkeit gehabt etwas zu entscheiden, z.B. ob er überhaupt teilnehmen möchte. Und doch übt er in diesem Moment Einfluss aus: Sobald er eskaliert, muss das ganze Team reagieren – er verändert damit den Ablauf, auch wenn er ihn nicht mitbestimmen durfte. Fehlt der reguläre Weg, mitzugestalten, wird er sich notfalls genommen, im Zweifel auf Kosten anderer – so wie im Spiel mit den Kindern oder mit eskalierendem Verhalten im Stuhlkreis.
Wenn wir der Arbeitshypothese folgen, dass es ihm um genau diese Art von Einfluss geht – ums Mitentscheiden, ums Gestalten, ums Bewirken –, musste sich das Team fragen:
Wo hat Robert in der Kita überhaupt die Möglichkeit dazu?
Die Antwort fällt schwer, da sich das Team eingestehen muss, dass Robert selten eine wirkliche Wahl bekommen hat.
Damit taucht die Anspannung wieder auf, die das Team von Anfang an begleitet hat: die kurze Irritation, als von „nur“ zwei Eskalationen im Monat die Rede war, während im Raum eine Stimmung lag, die nach täglich klang. Könnte es sein, dass genau diese Anspannung mit hineinspielt in das, was zwischen Robert und dem Team gerade passiert?
Je öfter Robert eskaliert, desto wachsamer wird das Team – und desto seltener bekommt er die kleinen, unauffälligen Gelegenheiten, tatsächlich mitzugestalten. Weniger Mitbestimmung begünstigt die nächste Eskalation, die Eskalation erhöht die Anspannung, die Anspannung führt zu noch mehr Kontrolle – und noch weniger Mitbestimmung.
Hinzu kommt eine zweite Wirkung derselben Anspannung: Kinder reagieren oft schon auf eine Erwartungshaltung, bevor sie ausgesprochen wird. Eine Atmosphäre, die längst auf die nächste Eskalation wartet, kann genau das wahrscheinlicher machen, was sie eigentlich verhindern soll – eine sich selbst erfüllende Erwartung.
Ein Kreislauf, an dem Robert genauso beteiligt ist wie das Team, nur von der jeweils anderen Seite: Er sucht Einfluss, wo er kaum welchen bekommt. Das Team sichert sich Kontrolle, wo es die Situation kaum noch anders greifen kann.
Aussteigen aus diesem Kreislauf kann nur das Team, Robert fehlen dafür noch die Mittel.
Zwei Fragen tauchen deshalb im Team selbst auf, kaum ausgesprochen:
Warum fällt es uns eigentlich schwer, Robert wirklich wählen zu lassen?
Und: Ist unsere eigene Wachsamkeit vielleicht auch eine Art, uns selbst wieder Kontrolle über etwas zu verschaffen, das sich unberechenbar anfühlt?
Das erklärt auch, warum reines Konsequenzen-Setzen an dieser Stelle so oft ins Leere läuft: Es nimmt Robert genau die Handlungsfähigkeit, um die es ihm laut der Arbeitshypothese eigentlich geht – und es beruhigt das Team nur so lange, bis der Kreislauf sich von selbst wieder schließt.
Damit schließt sich für mich auch der Kreis zur Frage vom Anfang der Hypothesenrunde:
Wofür könnte es gut sein, dass Robert sich in der Kita genau so zeigt?
Wenn es um Einfluss geht, den er sonst kaum bekommt, dann geht es in seinem Verhalten weniger darum, sich durchzusetzen, als darum, sich das zu holen, was ihm regulär fehlt.
Was jetzt ausprobiert wird
Aus diesen Überlegungen entwickelt das Team mehrere Ansätze für den Alltag mit Robert. Im Stuhlkreis bekommt er künftig eine echte Wahl – teilzunehmen oder nicht, und wenn ja, unter welchen Bedingungen. Entscheidet er sich dafür, werden diese Bedingungen gemeinsam mit ihm geklärt, statt sie ihm vorzugeben. Konsequenzen bleiben bestehen, sollen aber klar und nachvollziehbar sein. Genauso wichtig sind kleine Momente, in denen Robert gesehen wird, ohne dass vorher etwas eskaliert sein muss – gerade weil das Team weiß, wie leicht Aufmerksamkeit sonst erst nach der Eskalation entsteht. Und das Team nimmt sich vor, die eigene Wachsamkeit selbst im Blick zu behalten: genau zu beobachten, was einer Eskalation vorausgeht, aber auch zu bemerken, wann man selbst schon aus der eigenen Anspannung heraus reagiert, bevor überhaupt etwas passiert ist.
Ein erweiterter Blick: der Anteil des Teams
Wie sehr die Anspannung des Teams nicht nur das eigene Handeln, sondern auch die eigene Wahrnehmung prägt, zeigt sich schon ganz am Anfang dieses Textes: Auf die Frage, wie oft es zu den Eskalationen kommt, ist die Antwort „zwei Mal im Monat“ – objektiv wenig.
Im Erleben des Teams aber wirkte es, als würde es ständig passieren. Diese Verzerrung ist selbst schon ein Hinweis darauf, wie sehr Anspannung nicht nur Verhalten steuert, sondern auch, was ein Team überhaupt noch als selten oder häufig wahrnimmt. Vielleicht liegt darin eine der größeren Konsequenzen aus diesem Fall: nicht nur zu beobachten, was Robert tut, sondern auch, wie sehr die eigene Wahrnehmung die Realität beeinflusst.
Und bei dir?
Vielleicht kennst du so eine Situation aus deinem Gruppenalltag auch? Gibt es bei dir auch ein Kind, das sich auf Umwegen Einfluss sichert, die es auf direktem Weg nicht erreichen kann? Und was verändert sich, wenn du nicht bei seinem Verhalten ansetzt, sondern bei deiner eigenen Reaktion darauf?
Ich lade dich ein, diesen Gedanken einfach mal mitzunehmen. Vielleicht ergibt sich daraus schon die nächste kleine Veränderung.




