Weiß deine Auszubildende eigentlich, was du von ihr erwartest?
Der erste Tag deiner neuen Auszubildenden in der Kita beginnt. Alles ist neu und aufregend: die Vorstellung im Team, das Kennenlernen der Eltern, die Arbeit mit den Kindern. Dazwischen steht das Erstgespräch auf dem Plan. Es klärt organisatorische Fragen und gibt damit Sicherheit. Zugleich informiert ein Erstgespräch nicht nur über den Alltag, es legt fest, wie sich Zusammenarbeit und Lernen gestaltet. Dieser Artikel zeigt, wie sich beides in einem Gespräch verbinden lässt und welche Rolle die Erwartungen beider Seiten dabei spielen.

Gedanken einer Praxisanleiterin
„Ich habe das Erstgespräch so geführt, wie ich es immer führe: den Schrank gezeigt, den Dienstplan besprochen, das Team vorgestellt, den Tagesablauf erklärt. Wir sind mit dem Eindruck auseinandergegangen, gut gestartet zu sein. Ein paar Wochen später hatte ich trotzdem das Gefühl, dass es irgendwie nicht so richtig läuft.”
Zwei Ebenen in einem Gespräch: Was das Erstgespräch mit Auszubildenden leistet
Was die Praxisanleiterin im Beispiel beschreibt, erleben viele ähnlich. Das Erstgespräch beschränkt sich oft auf den organisatorischen Teil, und die zweite Ebene, die mindestens ebenso wichtig ist, rückt aus dem Blick. Dabei hat die organisatorische Ebene natürlich ihre Berechtigung. Schrank, Dienstplan und Teamvorstellung geben Sicherheit und stecken den Rahmen ab, in dem sich die Auszubildenden bewegen. Die zweite Ebene betrifft die Zusammenarbeit selbst und gehört ebenfalls ins Erstgespräch. Praxisanleitung ist eine professionelle Beziehung auf Zeit, und sie beginnt mit dem ersten Ausbildungstag. Beide Seiten bringen eigene Vorstellungen mit: Die Auszubildenden haben Erfahrungen aus Schule, früheren Praktika und eigenen Lernwegen. Die Praxisanleitung hat ein Bild von guter Anleitung, das aus ihrer Berufserfahrung entstanden ist. Was die Anleitung in der ersten Zeit sehen möchte, welche Zusammenarbeit sie sich wünscht und was die Auszubildenden von ihr brauchen, bestimmt den weiteren Verlauf. Im ersten Gespräch genügen Ansätze. Sie bilden neben dem organisatorischen Rahmen einen Erwartungsrahmen, der beiden Seiten Orientierung gibt.
Das Erstgespräch eröffnet die Orientierungsphase, in der Kennenlernen und Einarbeiten im Vordergrund stehen. Die einzelnen Phasen eines Praktikums beschreibt der Artikel Praxisanleitung Kita im Überblick.
Im nächsten Abschnitt zeige ich, wie sich Erwartungen konkret aussprechen und erfragen lassen.
Wie wollen wir zusammenarbeiten? Erwartungen aussprechen und erfragen
Eine Praxisanleiterin wünscht sich, dass ihre Auszubildende Initiative zeigt, Aufgaben selbst aufgreift und nachfragt. Die Auszubildende wartet auf klare Anweisungen, denn in einer neuen Einrichtung hält sie Zurückhaltung für das erwünschte Verhalten. Beide handeln aus ihrer Sicht stimmig, und beide haben im Erstgespräch nicht darüber gesprochen. Das Gefühl aus dem Beispiel zu Beginn, dass es irgendwie nicht läuft, findet hier eine mögliche Erklärung. Erwartungen bestehen in jeder Zusammenarbeit, ob sie ausgesprochen werden oder nicht. Die Praxisanleitung hat meist eine klare Vorstellung davon, was sie sehen möchte, auch wenn diese selten in Worte gefasst ist. Dem Gegenüber sind diese Erwartungen nicht bekannt. Unausgesprochen wirken sie dennoch als stille Maßstäbe, mit denen Verhalten eingeordnet wird, und im Anleitungsalltag führt das zu Irritationen, die keine Seite zuordnen kann. Deshalb sollte die Praxisanleitung schon im Erstgespräch beschreiben, was ihr in der Zusammenarbeit wichtig ist und was sie in der Ausbildungszeit sehen möchte: etwa den Umgang mit Fragen, die Bereitschaft, Ideen einzubringen, oder Verlässlichkeit im Alltag. Das geschieht klar und wertschätzend und ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Als Ich-Botschaft formuliert, mit Raum für Rückfragen, entsteht ein Gesprächsklima, in dem auch die Auszubildenden ihre Vorstellungen einbringen können. Sätze wie „Mir ist wichtig, dass du nachfragst, sobald etwas unklar ist.” und „Was brauchst du von mir, damit dir das gut gelingt?” verbinden die eigene Erwartung mit dem Interesse an der Sicht des Gegenübers. Antworten fallen zu Beginn oft knapp aus, denn Auszubildende kennen die Einrichtung und die Menschen noch nicht. Der Austausch darüber lässt sich in den folgenden Tagen erneut aufgreifen, und mit wachsendem Vertrauen werden die Antworten konkreter.
Eine Teilnehmerin formulierte es einmal so
„Meine Erwartungen auszusprechen war für mich ein Wendepunkt. Mir war alles so selbstverständlich, dass mein Auszubildender es gar nicht wissen konnte. Erst im Gespräch wurde uns beiden klar, worum es eigentlich ging.”
So entsteht Schritt für Schritt ein gemeinsames Bild davon, was Begleitung in dieser Phase der Ausbildungszeit bedeutet. Es wird sichtbar, welche Unterstützung die Auszubildenden erhalten, welche Beiträge die Praxisanleitung erwartet und woran beide erkennen, dass die Zusammenarbeit gelingt. Ob Auszubildende ihre Vorstellungen tatsächlich einbringen, hängt wesentlich von der Haltung der Praxisanleitung ab. Der Artikel Reflexionsgespräche in der Kita: Der große Irrtum geht darauf näher ein.
Ein Auftakt für weitere Gespräche
Das Erstgespräch ist der Anfang und eröffnet eine Reihe weiterer Gespräche. Die Ausgangslage der Auszubildenden, ihre Vorerfahrungen und eigenen Anliegen finden in den weiteren Gesprächen ihren Platz. Auch die ausgesprochenen Erwartungen bleiben im Blick und lassen sich im Verlauf aufgreifen und anpassen. Ziele und Ausbildungsplan bauen auf diesem Anfang auf. Wie aus Vorhaben überprüfbare Ziele werden, beschreibt der Artikel Lernziele in der Praxisanleitung: Vom Vorhaben zum überprüfbaren Ziel. Welche Gesprächsformen im weiteren Verlauf zum Einsatz kommen, ordnet der Artikel Zwischen Feedback, Reflexion und Entwicklung: Mehr Klarheit in Anleitungsgesprächen ein.
Für das Erstgespräch selbst genügt ein verbindlicher Abschluss. Ein vereinbarter nächster Termin zeigt den Auszubildenden, dass es weitergeht, und gibt beiden Seiten die Gelegenheit, das Besprochene aufzugreifen und weiterzuentwickeln.
Einige Gedanken zum Schluss
Erinnere dich an dein letztes Erstgespräch. Verlief es in erster Linie organisatorisch, und deine Erwartungen galten als gesetzt, ohne dass du sie wirklich ausgesprochen hast?
Wie hat sich das auf die ersten Wochen ausgewirkt?
Für das nächste Erstgespräch lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten.
Nimm dir ein Blatt Papier und schreibe auf, was dir in der Zusammenarbeit mit Auszubildenden wichtig ist und woran du erkennst, dass die Einstiegsphase für dich gut läuft.
Magst du es lieber, wenn jemand ausführlich erzählt oder kurz und knapp?
Wünschst du dir jemanden, der von sich aus Initiative zeigt, oder jemanden, der nachfragt?
Diese Liste schafft Klarheit darüber, was du im nächsten Erstgespräch aussprechen möchtest.
Und was möchtest du im nächsten Erstgespräch anders machen?




